Japan

5 Dinge, die ich an Japan cool finde – und 5 Dinge, die ich nicht so cool finde

5 Dinge, die ich an Japan cool finde: Hiking bei Nagano

Hast Du schon mal kurz hintereinander dasselbe Reiseziel besucht? Bist Du dann auch mit einem anderen Gefühl wieder nach Hause gefahren? Mir geht es oft so. Die Euphorie, die ich vom ersten Mal mitnehme, flacht beim zweiten Mal ab. Das ist gut so. Es zeigt, dass man seinen Blick schärft und anfängt, sich richtig mit dem Land zu beschäftigen. Hier meine 5 Dinge, die ich an Japan cool finde – und 5 Dinge, die ich nicht so cool finde.

5 Dinge, die ich an Japan cool finde

Japan gehört auch nach dem zweiten Trip innerhalb von drei Jahren zu meinen Reise-Favoriten. Einer der Gründe ist das Thema Sicherheit (siehe 10 Fakten über Japan). Wer die Lage in anderen Regionen wie Lateinamerika kennt, weiß es zu schätzen, selbst bei Nacht und alleine in einer Großstadt herumlaufen zu können. Daneben gibt es aber noch andere Dinge, die ich ziemlich cool finde und ein nächstes Mal wahrscheinlich machen.

Pünktlichkeit und Disziplin

Ja, ja, ich weiß, es hört sich mega deutsch an. Das sind aber genau die Eigenschaften, wofür uns die Japaner schätzen – und umgekehrt. Die vielbeschriebene Pünktlichkeit der Shinkansen – auf die Sekunde genau – stimmt übrigens wirklich. Genauso wie das akribisch-disziplinierte Anstehen in allen Lebenslagen. Anders würde man Mega-Cities wie Tokio oder Yokohama auch nicht derart perfekt am Laufen halten können.

5 Dinge, die ich an Japan cool finde: U-Bahn
Rush Hour in Tokio

Den direkten Vergleich mit der Deutschen Bahn muss man jedoch relativieren. Im Gegensatz zu den ICE haben die japanischen Hochgeschwindigkeitszüge ein eigenes Streckennetz, was die Pünktlichkeit massiv verbessert. Apropos Disziplin: Selbst japanische Kids lernen schon früh, sich korrekt zu benehmen ohne dabei aber „dressiert“ zu wirken. Das macht besonders Restaurant- und Museumsbesuche wesentlich entspannter.

Kulinarische Kunst

Dass japanisches Essen nicht nur Sushi ist, sollte jedem bekannt sein. Die kulinarische Vielfalt, Qualität und die optische Darbietung habe ich so nur in wenigen Ländern erlebt. Selbst das Bentō (deutsch: Lunchbox), das man in den japanischen „Spätis“ kauft, überzeugt. Du kannst Dich zudem darauf verlassen, überall die allerhöchsten Hygienestandards vorzufinden, in Sterne-Restaurants genauso wie beim Streetfood.

Japanisches Dinner Menü
Japanisches Dinner

Letzteres macht Reisen definitiv einfacher. Ständig vor Salmonellen & Co. auf der Hut zu sein, ist anstrengend. Trotzdem musst Du Dich auf das japanische Essen einlassen können, sonst wird’s schwer. Wenn Du aber den Härtetest, ein traditionelles Frühstück mit Zutaten wie Nattō (fermentierte, schleimige Sojabohnen) oder Onsen-Eier (salzig-schwefeliger Geschmack) bestehst, dann bist Du gewappnet.

Sauberkeit und Hygiene

Wenn wir schon beim Thema Hygiene sind: Sauberkeit ist in Japan nicht nur beim Essen wichtig, was unter anderem im Shintoismus begründet ist. Dessen Bräuche wie Reinlichkeit und Einfachheit prägen heute noch den Alltag und das Verhalten der Japaner. Du wirst so gut wie nirgendwo Schmutz oder Müll entdecken. Selbst die hochfrequentierten (und kostenlosen) Toiletten in den U-Bahn Stationen sind tip top gepflegt. In Berlin undenkbar.

Traditionelles japanisches Restaurant
Schuhe aus! – Restaurant in Tokio

Folgendes solltest Du bei einer Japan-Reise beachten: 1. Vor dem Betreten von Privaträumen, Gebetsräumen in Tempeln und den meisten traditionellen Hotels und Restaurants – Schuhe aus! 2. Halte beim Baden in einem Onsen (Thermalquelle) unbedingt die Regeln für die Körperreinigung ein. 3. Nimm am besten immer ein paar Müllbeutel mit, wenn Du unterwegs bist. In Japan lässt man seinen Müll nicht zurück, sondern nimmt ihn wieder mit.

Höflichkeit

Höflichkeit hat viele Facetten. Sie kann, wie ich das in den USA empfunden habe, aufgesetzt und „professionalisiert“ wirken. Sie kann aber auch Teil der Kultur und ernst gemeint sein. So zumindest habe ich das in Japan wahrgenommen. Die Aufmerksamkeit, die einem selbst bei Kleinigkeiten im Alltag entgegengebracht wird, verblüfft. Du fühlt Dich sofort willkommen, was den Einstieg in ein neues Reiseland enorm erleichtert.

Second Hand Laden in Kyoto
Vintage Laden in Kyoto

Die typische Verneigung vor dem Kunden – und umgekehrt der Kunde vor dem Dienstleister – hatte ich schon in meinem Post 10 Fakten über Japan beschrieben. Das ist zwar ein Ritual, bewirkt aber viel im Miteinander. Es kann Dir sogar passieren, dass ein Barkeeper Dir nicht einfach nur den Weg erklärt, sondern Dich trotz voll besetzter Theke zur nächsten Kreuzung bringt. So geschehen bei meinem ersten Besuch in Kyoto.

Überwältigende Natur

Es wäre zu schade, sich in Japan „nur“ die Städte und die historischen Tempelanlagen anzuschauen. Was bei der Beschreibung in den Reiseführern und der sonstigen Literatur zu kurz kommt, ist die atemberaubende Natur. Durch die unterschiedlichen Klimazonen kannst Du von subtropischen Stränden im Süden bis hin zu tief verschneiten Bergen im Norden alles erleben.

Badende Snow Monkeys
Affen im Jigokudani Monkey Park

Selbst wenn Du nur wenig Zeit hast, empfehle ich Dir von Tokio aus einen Tagestrip zum Tempel-Wandern rund um Kamakura (siehe Tokio Tipps). Falls Du mehr Zeit mitbringst, lohnen sich zwei bis drei Tage im Mt. Fuji Gebiet, zum Beispiel in Hakone als Basis. Dort sind zudem die heißen Thermal-Quellen (Onsen) in den traditionellen Hotels (Ryokans) ein Erlebnis. Bei vier bis fünf Tagen ist dann ein ausgedehnter Angriff auf die 3000er Gipfel in der Region um Nagano möglich.

5 Dinge, die ich an Japan nicht so cool finde

Meine zweite Reise im vergangenen Herbst hat mich auf der anderen Seite auch „geerdet“. In Japan angekommen, gab es zwar wieder viele Wow-Effekte, insgesamt aber weniger stark als beim letzten Mal. Dadurch hatte ich den Blick frei, um genauer hinzuschauen und mich darüber hinaus in das Land einzulesen. Für letzteres empfehle ich Dir Japan für die Hosentasche von Françoise Hauser.

Umgang mit Müll

Grundsätzlich finde ich die Einstellung der Japaner gut, für den eigenen Müll verantwortlich zu sein. Am deutlichsten wurde das bei der WM 2018 in Russland, als die japanischen Fans ihren Müll von den Rängen eingesammelt und wieder mitgenommen haben. Das hat nicht nur einen pädagogischen Effekt, sondern macht einem auch bewusst, welche Mengen Abfall man den Tag über produziert.

5 Dinge, die ich an Japan cool finde: Mülltonnen
Die seltene Spezies Mülltonne

Schwierig wird es, wenn man länger unterwegs ist und es partout keine Möglichkeit zur Entsorgung gibt. Mülleimer wirst Du selbst in Großstädten kaum finden. Noch schwieriger ist die Situation auf dem Land. Auf unserer Hiking-Tour bei Nagano wussten wir nach zwei Tagen wirklich nicht mehr, wohin mit dem Plastik. Denn der Plastik-Fetisch der Japaner, die wirklich alles doppelt und dreifach einpacken, verstärkt den Nerv-Faktor nochmal.

Umgang mit #MeeToo

Zwei Dinge, die ich an Japan extrem uncool finde: Rassismus und Sexismus. Gerade bei letzterem kommt durch #MeeToo zum Vorschein, was lange ignoriert wurde (siehe S.P.O.N.: In Japan sagt man: Schweigen bedeutet Schönheit). Fast noch absurder ist die Diskussion um das Brillenverbot am Arbeitsplatz. Es hat sich zwar vieles in Sachen Chancengleichheit verbessert. Trotzdem ist das klassische Rollenbild nach wie vor präsent.

5 Dinge, die ich an Japan cool finde: Shibuya Crossing
Shibuya Crossing

Das zeigt sich bei Kleinigkeiten im Alltag: Bei Geschäftsessen wendet man sich als Frau beim Schluck vom (alkoholischen) Drink kurz ab und ein ähnlich „verschämtes“ Verhalten sieht man häufig beim Rauchen in der Öffentlichkeit. Zu alldem gesellt sich leider ein tief verwurzelter Rassismus, was am Beispiel der Tennisspielerin Naomi Osaka deutlich wird. Beides passt irgendwie nicht zu dem, für was die japanische Kultur steht oder stehen möchte.

Der Arbeitsethos

Japan wirkt auf mich erschöpft. Du siehst das deutlich, wenn Du die Leute während der Rush Hour in der U-Bahn beobachtest. Der „Power Nap“ in allen Lebenslagen ist für Japaner völlig normal. Es ist aber auch ein Symptom des extremen Leistungsdrucks, der schon in der Schule beginnt (siehe S.P.O.N.: Eine Nation im Wachkoma). Den Begriff Karōshi (jap. 過労死, Tod durch Überarbeiten) hast Du bestimmt schon mal gehört.

Arbeiter im Nishiki Market Kyoto
Nishiki Market Kyoto

Auch wenn gerne plakativ darüber berichtet wird, ist Karōshi natürlich kein flächendeckendes Problem. Nichtsdestotrotz wirkt der Arbeitsethos und der damit verbundene Gruppenzwang aus der Zeit gefallen. Es ist zum Beispiel völlig normal, den Urlaubsanspruch nicht voll zu nutzen oder freiwillig für Krankheitstage zu verwenden. Ebenso sind ständige Erreichbarkeit und ein streng hierarchisches Denken Teil dieser Kultur. Es findet zwar langsam ein Umdenken statt, ich kann mir aktuell aber nur schwer vorstellen, in Japan zu arbeiten.

Die Kräfte der Natur

Allein im letzten Jahr fegten 19 Taifune durch Japan. Beim schwersten – Hagibis – war ich mitten drin und musste erleben, welche Einschränkungen das beim Reisen bedeutet. Zum Glück sind die Japaner perfekt darauf vorbereitet und können nach Naturkatastrophen schnell die Ordnung wiederherstellen. Neben den für die Region typischen Tropenstürmen kämpft das Land gegen die permanente Gefahr von Erdbeben und gegen heftige Hitzewellen wie in 2018.

Regenschirme in Tokio
Regenzeit in Japan

Im Hochsommer kann ich Japan nicht empfehlen. Bei meinem letzten Trip lagen in Hiroshima und Tokio die Temperaturen selbst Anfang Oktober noch bei fast 40 Grad. Es ist davon auszugehen, dass die Insel durch die Klimaveränderungen in Zukunft viel stärker unter Wetterextremen leiden wird. Das Thema scheint aber immer noch nicht so richtig im Bewusstsein der Japaner angekommen zu sein (siehe Beitrag der NZZ).

Schuhe aus!

Auch wenn ich den Sauberkeitsfimmel und die Ordnungsliebe der Japaner super finde, musste ich mich als Europäer an manche Rituale erst gewöhnen. Das obligatorische Schuhe ausziehen erinnert mich an frühere Studentenparties. Es sieht für westliche Augen ziemlich merkwürdig aus, wenn Frauen in schicken Kostümen und Männer in teuren Maßanzügen in Socken herumlaufen oder -sitzen. Und wer meint, dass es mit einem einfachen „Schuhe aus!“ getan ist, täuscht sich.

5 Dinge, die ich an Japan cool finde: Shibuya Crossing
Shibuya Crossing (2)

In traditionellen Hotels zum Beispiel lässt man seine Straßenschuhe am Eingang zurück und schlüpft in eine Art (ziemlich hässlicher) Hausschuhe. Betritt man das Restaurant oder den Wohnbereich des Hotelzimmers, muss man diese dann wiederum ausziehen. Für die Toiletten gibt’s dann noch mal ein anderes Paar. Man muss sich als Ausländer anstrengen, um alles richtig zu machen. Ich hab’s nicht immer geschafft und wurde dann japanisch-dezent auf meine Fauxpas hingewiesen.

Fazit

Es wäre ungewöhnlich, alles an einem Land toll zu finden. Ein realistischer Blick hilft, um die Kultur und damit die positiven genauso wie die nicht so coolen Dinge besser zu verstehen. Die Begeisterung für Japan ist auch nach dem zweiten Mal ungebrochen und bis zum nächsten Besuch werde ich das mit den Schuhen perfektioniert haben. Versprochen.

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